Porträt: Die deutsch-irische Künstlerin Mariechen Danz vor einem ihrer Werke.

Von Body Bricks und Organen.

Wie die Künstlerin Mariechen Danz festgesetzte Wissensmuster durchbrechen möchte

10.07.2024 Lesezeit: 4 min Blog

Bereits zum siebten Mal bietet die Berlinische Galerie im Rahmen des GASAG Kunstpreises Raum für aufstrebende Künstlerinnen und Künstler, ihre Arbeiten einem breiten Berliner Publikum zu präsentieren. 1997 ins Leben gerufen, hat sich der Kunstpreis über die Jahre weiterentwickelt und konnte 2010 die Berlinische Galerie als Partnerin gewinnen. Den Künstlerinnen und Künstlern steht seitdem eine bemerkenswerte Fläche von fast 348 Quadratmetern zur Verfügung – genug Platz, um individuelle Konzepte zu realisieren.

Wir lassen den Nominierten viel Freiraum, ihre Ideen zu verwirklichen. Sie entwickeln für den Raum eine neue Ausstellung, die auf die Gegebenheiten des Ortes reagiert.

Guido Fassbender

Kurator der Ausstellung

Die Arbeiten der diesjährigen Preisträgerin Mariechen Danz sind mit ihrem Kernthema, der Erforschung der Geschichte der Wissensvermittlung und Informationsaufnahme, durch und mit dem menschlichen Körper, wie geschaffen für die Auszeichnung, die herausragende künstlerische Positionen an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Technik ehrt.

Die deutsch-irische Künstlerin beschränkt sich dabei nicht auf ein Medium, sondern bringt mit Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Musik und Performances unterschiedlichste künstlerische Ausdruckselemente zusammen, die den menschlichen Körper als Schauplatz von Konflikten, als Objekt und Subjekt von Wissen, aber auch als politisch und historisch kontaminierte Zone repräsentieren. Ihre Arbeit geht den Zusammenhängen von Geografie, Anatomie, Biologie, Kartografie, Geologie und Semantik nach.

Charakteristisch für Danz Arbeiten ist die Fragmentierung des menschlichen Körpers, also die Zerlegung in seine Einzelteile, um neue Formen des Austausches, des Wissens, der Wahrheit und der Geschichte zu ermöglichen. Die heterogenen Objekte ergeben in ihrer Kombination wieder ein neues Ganzes. Sie lassen sich als eine Karte verstehen, die sich immer wieder neu zusammensetzt. Sie sind eine Metapher für die Subjektivität des menschlichen Verständnisses, die erst durch äußere Einflüsse und Normen zu objektiven Wissensmustern umgedeutet werden.

Mit der Bespielung der Halle der Berlinischen Galerie konzipiert Danz ihre bisher größte Ausstellung in Berlin. Dafür hat sie viel vor. Ihr Modell und die Entwurfszeichnungen geben einen ersten Eindruck von ihrem vielschichtigen Konzept.

Die Grundidee ist es, die gesamte Halle in eine Karte zu verwandeln. Fußspuren entlang der Wände sollen für eine Destabilisierung der Orientierung im Raum sorgen. Die Body Bricks, Ziegelsteine mit Abdrücken von Organen, bilden fragmenthafte architektonische Strukturen aus, welche die Rolle der menschlichen Arbeit in unserer Umwelt thematisieren. Ein zentral aufgestellter Sextant aus Stahl, ein astronomisches Werkzeug zur Navigation, greift das Prinzip der Orientierung und Desorientierung wieder auf.

Gasag-Kunstpreis 2024: Body Bricks im Atelier der Künstlerin Mariechen Danz.
Body Bricks im Atelier von Mariechen Danz. Foto: Mariechen Danz

Großformatige Tafeln aus Aluminium mit geprägten und ausgestanzten Elementen, wie sie für Computergehäuse, also im Bereich der elektronischen Informations- und Datenübertragung verwendet werden, dienen metaphorisch als Sender- und Trägermedien von Wissen. Durch ihre Reorganisation entstehen laut Danz immer wieder neue kodifizierte Systeme, welche sie mit dem Prinzip von Satzzeichen vergleicht, die als unterstützende Elemente innerhalb des Satzbaus dienen.

Gasag-Kunstpreis 2024: Aluminiumtafel in der Ausstellung von Mariechen Danz.
Beispiel für eine der Aluminiumtafeln (MMS in Kooperation mit GKF Co.). Foto: Mariechen Danz.

Doch nicht nur das materielle Objekt selbst, sondern auch sein Schatten ist ein wichtiges Element ihrer Arbeit. Gemalte und durch künstliche Lichtquellen hervorgerufene Schatten vermischen sich und verwandeln den Ausstellungsraum in eine Karte, deren Ende nicht definiert ist. Organe auf gewundenen Metallstangen ragen wie Stecknadeln aus der Wand und setzen damit feste Punkte innerhalb dieser. Danz vergleicht das Schattenspiel und die Wandobjekte mit dem Höhlengleichnis von Platon. Als Symbol der Erkenntnis und Mittel zur Reflexion dienen sie als Anstoß, festgesetzte Denkmuster zu reformieren.

In einer Kartographie des Körpers fügen sich Bilder und Notationssysteme zu einer Art dreidimensionalem Fragmentatlas zusammen, der nicht chronologisch erfasst werden kann, sondern gleichzeitig erlebt werden soll.

Mariechen Danz

Preisträgerin GASAG Kunstpreis 2024

Momentan verbringt Danz viele Stunden in ihrem Atelier, fertigt neue Objekte und feilt an ihrem Ausstellungskonzept. Ihr Modell hat sie dabei immer im Blick. Danz möchte etwas Neues erschaffen und will daher nichts vorweggreifen. Dennoch geben die Arbeiten in ihrem Atelier eine erste Vorahnung davon, was in der Ausstellung zu sehen sein wird. Neben neuen Objekten wird sie bereits existierende Werkgruppen durch verschiedene Konstellationen in einen neuen Kontext bringen. Wir dürfen auf eine unkonventionelle Ausstellung gespannt sein, die ihre Besucherinnen und Besucher zum Nachdenken anregt und ihre Sehgewohnheiten herausfordert.

Mariechen Danz

Porträt: Die deutsch-irische Künstlerin Mariechen Danz vor einem ihrer Werke.
Mariechen Danz. Foto: Berlinische Galerie

Die 1980 geborene deutsch-irische Künstlerin Mariechen Danz lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam und der Berliner Universität der Künste, wo sie als Meisterschülerin von Leiko Ikemura abschloss. Danz erhielt 2008 ihren Master of Fine Arts im Studiengang „Kunst und Integrierte Medien“ am Californian Institute of the Arts (CalArts). Ihre herausragende Kunst brachte ihr mehrere internationale Ausstellungen und Stipendien ein. Unter anderem hat Danz auf der Biennale in Venedig, Istanbul und Wien sowie im Centre Pompidou Paris und auf der High Line in New York ausgestellt. Ihre letzte große Einzelschau „Clouded in Veins“ hatte sie 2021 in der Kunsthalle Recklinghausen im Rahmen der Ruhrfestspiele. Simultan zur Ausstellung erschien ein gleichnamiges Album mit Sounds ihrer Performance, das beim Berliner Musiklabel Monekytown Records veröffentlicht wurde.